Projekt goeast 2011
Deutschland - China, 15 Länder, 15.000km, zwei Fahrräder, vier Monate. Start: 03. April 2011

Bukhara ist die erste große Stadt in Usbekistan, die wir erreichen. Offensichtlich ist Bukhara auch bei Europäern ein beliebtes Ziel, denn wir treffen zum ersten Mal auf unserer gesamten Tour auf Reisegruppen, die sich die wirklich schöne Altstadt ansehen. Schaut man hinter die Kulissen oder klopft mal an die massiv aussehenden Steinwände mancher Gebäude, merkt man, dass hier etwas hohl ist. Viel wird wohl nur als Fassade für die Touristenströme aufgezogen, obwohl man nicht von der Hand weisen kann, dass die Stadt eine lange Historie hat. Verlässt man die Altstadt nach Süden, hören die anmutigen Ziegelsteinbauten schlagartig auf und der eigentliche Baustil der Usbeken kommt zum Vorschein.

Im Umkreis von hundert Metern um den zentralen Platz Lyabi-khauz, der mit einem um 1620 angelegten Wasserbecken ausgestattet ist, gibt es dutzende Hotels. Wir treffen hier fast alle Leute wieder, die wir in den letzten zwei Wochen kennen gelernt haben. In der kompakten, aber wunderschönen Altstadt läuft man sich zwangsläufig über den Weg und wir tauschen aktuelle Erfahrungen aus.
Eine interessante Geschichte haben zwei Engländer zu berichten, die sich aus Zufall in Südkorea kennen gelernt haben. Sie wanderten dorthin aus und arbeiteten als Englischlehrer. Nach knapp einem Jahr kam die Idee auf mit dem Fahrrad wieder in die Heimat zu fahren und als genügend Geld gespart war, nahmen sie die Idee in Angriff. Als wir sie in Usbekistan treffen, haben sie China bereits komplett durchquert und geben uns ein paar nützliche und interessante Informationen.
Im Vergleich zu unserer Detailplanung sind sie allerdings relativ unorganisiert. Auf Landkarten verzichten sie vollkommen, was einmal dazu führte, dass sie in Kirgistan tagelang insgesamt 800 km in die falsche Richtung fuhren.
Alle anderen sind wie wir in die entgegengesetzte Richtung, nach Osten, unterwegs. Im Gegensatz zu uns haben sie alle ziemlich viel Zeit, meist mehrere Jahre, sind komplett ohne Zeitlimit unterwegs oder reisen nach dem Motto „solange das Geld reicht“. Ich liebe das Reisen, aber für eine solche Dauer wäre das für mich unvorstellbar. Auf lange Sicht nie zu wissen, wo man am Abend landet, immer wieder die selben Fragen „wo kommst du her?“, „wo gehst du hin?“ beantworten, die tägliche, ungewisse Suche nach einem Schlafplatz auf sich nehmen und dabei ständig sein komplettes Hab und Gut auf dem Fahrrad mitschleppen. Das alles macht mir durchaus Spaß, aber als kompletter Lebensinhalt wäre es mir zu wenig.

Wenn wir anhalten, um etwas zu trinken, etwas im Reiseführer nachzuschauen oder uns kurz zu beraten, werden wir meist innerhalb von kurzer Zeit von vielen neugierigen Leuten umringt. Wir geben zu verstehen, dass wir mit dem Fahrrad aus Deutschland kommen, aber leider weder Usbekisch, noch Russisch sprechen. Trotzdem brabbelt man weiter fröhlich auf uns ein. Eigentlich versuche ich dann immer mit Gestiken weiter zu machen, aber das hilft hier nicht mehr. Daher haben wir uns überlegt einfach auf unserer Sprache genau wie sie irgendetwas zu reden.
Eine typische Konversation:
Usbeke: „bla bla bla“ auf Usbekisch/Russisch
Ich: „Germanje“ („Deutschland“, das ist meist die richtige Antwort auf die erste Frage)
Usbeke: „bla bla bla“
Ich: „No Russki“
Usbeke: „bla bla bla“
Usbeke: „bla bla bla“
Usbeke: „bla bla bla“
Ich: „Ja, es geht uns gut, wir sind auf dem Weg nach Samarkand und werden gleich unter den Bäumen da vorne unsere Melone aufschneiden, die schmecken nämlich ziemlich gut hier bei euch.“
Usbeke: „…“
Usbeke: „bla bla bla“
Ich: „Ziemlich heiß, stimmt. Aber der Fahrtwind kühlt ganz gut. Wir stehen immer recht früh auf, morgens fährt es sich dann recht angenehm. Nach einer langen Mittagspause geht es dann weiter sobald es ein bisschen abgekühlt hat.“
Usbeke: „bla bla bla“
Ich: „bla bla bla“
Und irgendwie ist es dann doch ein Gespräch, das allen Spaß macht. Alle haben ein Grinsen auf dem Gesicht und die Verabschiedung ist herzlich. Es ist fast wie eine Unterhaltung mit manchen Personen auf Deutsch, die gar nicht zuhören, wenn mal der andere am Reden ist.

Usbekistan gefällt mir sehr gut und ist eine deutliche Verbesserung im Vergleich zu Turkmenistan. Die Menschen sind nett und aufgeschlossen und es gibt Infrastruktur in Form von Läden am Straßenrand oder Hotels in Städten (ja, solche einfachen Dinge sind in manchen Ländern nur sehr spärlich gesät).
Wir probieren zum ersten Mal Plow, das Nationalgericht. Dabei handelt es sich um Reis mit Zwiebeln, Karotten und Hammelfleisch, das in riesigen Töpfen lange Zeit gegart wird. Hammel ist generell ein sehr fettes Fleisch, aber dass sich daumengroße Fettklumpen im Essen befinden, hätte ich nicht erwartet. Trotzdem, oder wahrscheinlich gerade deswegen, ist Plow eine der besten Speisen, die wir seit vielen Tagen gegessen haben.
Bezahlen müssen wir mit einem Stapel von Geldscheinen, denn der größte verfügbare Schein ist nur etwa 40ct wert. Überall sieht man daher Leute unmengen an Geld durchzählen. Die Geldwechsler auf dem Schwarzmarkt sind sogar mit Sporttaschen voller Scheine unterwegs. Warum führt man da nicht einfach größere Geldscheine ein?

Hinterlasse einen Kommentar, Geschrieben am 09. Juni 2011, goeast 2011, Usbekistan

Wir überqueren die Grenze nach Turkmenistan ohne größere Probleme. Normalerweise werde hier jedermanns Gepäck durchleuchtet, aber bei uns verzichtet man darauf: „We trust you“. Die Zollbeamtin fragt, ob wir Drogen oder Waffen dabei haben, denn die gäbe es ja im Iran zuhauf. Sie schüttelt abwertend den Kopf als wir sagen, dass wir fast drei Wochen in diesem Land waren.

Das Land der großen Wüste ist ganz anders organisiert als das, woran wir uns im vergangenen Monat gewöhnten. Inmitten einer Stadt findet man schwerlich Geschäfte und wenn, dann sind sie manchmal nicht auszumachen, denn es ist einfach eine Tür, die aussieht wie der Zugang zu einem Wohnhaus. Auch Hotels haben meist keine Schilder draußen hängen, das heißt wir müssen uns durchfragen. Sehr schwer, denn ohne Russisch oder die Landessprache geht hier nicht viel.
Dieser Zustand wird uns in Mary, der letzten größeren Stadt bevor die Wüste richtig beginnt, zum Verhängnis. Wir verbringen zwei Stunden damit eine Unterkunft zu suchen, aber was wir finden ist entweder ein Luxushotel oder aber hoffnungslos überteuert. Es gibt generell zwei Preislisten: Eine für Einheimische in Turkmenischen Manat und eine für alle anderen in Dollar. Letzterer Preis ist mindestens doppelt so hoch.

Zum Geld tauschen in der Bank geht man immer seitlich um das jeweilige Gebäude und dort befindet sich ein gerade mal 20x10cm großes Loch in der Wand. Man sieht den Menschen im Inneren nicht und muss einfach sein Geld hineinschieben in der Hoffnung, dass dann irgendwann Manat zu einem vernünftigen Wechselkurs wieder herauskommen. In meinem Fall begleitet von wütendem Schnauben des Angestellten: Ich habe ihn von seinem Nickerchen aufgeweckt.

Wir beobachten, dass wir entweder unfreundlich-emotionslose Menschen treffen oder aber sehr nette, aufgeschlossene und gastfreundliche Turkmenen. Gerade wenn wir etwas frustriert wegen der Begegnungen sind, taucht jemand auf, der alles wieder gut macht.
So auch in Mary. Wie gesagt, wir finden kein passendes Hotel und fahren daher zum Wildcampen aus der Stadt hinaus. Das Industriegelände außerhalb der Stadt zieht sich allerdings einige Kilometer und es dämmert bereits. Daher fragen wir an einem offenen Tor, ob wir wohl hier übernachten können. Herzlich werden wir in den Garten gebeten, den sich offenbar mehrere Familien und Wohnhäuser teilen. Auf einem mit Teppich ausgekleideten Turm können wir unter freiem Himmel die Nacht verbringen. Kinder umringen uns und wir zeigen die Fotos der vergangenen Wochen. Sie versuchen uns die turkmenischen Wörter für Dinge auf den Bildern wie „Melone“ oder „Wüste“ beizubringen. Ein achtjähriger Junge bringt sein Englisch-Vokabelheft her, wo deutlich geschrieben Englisch, Lautschrift Englisch und Turkmenisch in drei Spalten nebeneinander stehen. Darunter sind Wörter wie „incentive“ oder „various“, ganz schön anspruchsvoll für das Alter!
Kurz bevor wir unter freiem, wolkenlosem Himmel mit Blick auf die Sterne einschlafen, macht mir noch ein Jugendlicher ein offensichtlich selbstgefertigtes Freundschaftsbändchen um das Handgelenk. Was ein schöner Abend.

In Turkmenistan gibt es wenige Touristen. Die Visabestimmungen für ein Touristenvisum sind sehr streng. Man muss einen Führer durch das Land von einer staatlich anerkannten Organisation buchen und bekommt noch weitere Auflagen. Das ist sehr kostspielig und wird selten genutzt.
Ansonsten gibt es noch das Transitvisum. Es ist lediglich fünf Tage gültig und wird im Prinzip nur genutzt, um das Land schnell durchqueren zu können. Das sind dann so Leute wie wir: Mit dem Fahrrad, Motorrad oder Bus unterwegs in Richtung Osten.
Man merkt den Menschen und Institutionen an, dass hier selten Europäer zu Gast sind. In Türkei und Iran sprechen wir auch nicht die Landessprachen, aber die Kommunikation mit Gestiken ist dort trotzdem erheblich einfacher. Meist las man uns die Wünsche von den Augen ab. Hier ist alles komplizierter, wahrlich kein einfaches Reiseland.

Am nächsten Tag dringen wir in die richtige Wüste ein. Fast zweihundert Kilometer sind es zwischen den Städten Mary und Türkmenabat, dazwischen gibt höchstens alle 50 Kilometer mal ein Restaurant. Wir decken uns mit reichlich Wasser ein und machen uns sehr früh auf den Weg, um die Mittagshitze irgendwo im Schatten zu verbringen.
Wir kommen gut voran, aber nach der langen Mittagspause hat der Wind gedreht und kommt direkt von vorne. Zum Glück überholt uns ein Schwertransporter, der genau die richtige Geschwindigkeit hat und wir hängen uns in den Windschatten.
Eine halbe Stunde später sieht man, dass der Himmel vor uns nicht mehr blau ist, sondern beige, fast braun gefärbt ist. Das sieht ganz nach einem Sandsturm aus. Von einem Moment auf den anderen durchfahren wir die Grenze zwischen Sonne und Sand. Von allen Richtungen wirbelt Sand herum, über die Straße und direkt in unsere Gesichter und in alles, was nicht komplett verschlossen ist. Innerhalb von wenigen Minuten überzieht meinen schweißüberströmten Arm, auf dem sich schon lange die Sonnencreme verflüssigt hat, in Zusammenspiel mit der Sandstrahlung der Wüste eine braune, klebrige Masse. Zum Glück haben wir den Transporter vor uns, der Sand und Wind wenigstens ein bisschen abhält.
Dann passiert, was aufgrund der Tragik fast schon filmreif ist. Mein Flaschenhalter bricht nach zwei Monaten auf dem Fahrrad, weil ich ein tiefes Schlagloch auf der sandigen Straße übersehe, und die Trinkflasche kullert auf den Boden. Ich schreie noch „nein!“ durch den Wind, aber Thomas hält an, um sie aufzuheben. Nur einige hundert Meter hinter dem Transporter ist es unmöglich ihn einzuholen. Er fährt 35 km/h, aber der Wind ist so stark, dass wir mit hoher Anstreungung nur auf 20 km/h kommen. Unsere Rettung vor dem Sandsturm fährt von dannen.
Ein Lastwagenfahrer am Straßenrand erklärt, dass man nicht sagen könne wie lange der Sturm andauert. Aber er vermutet noch eine ganze Weile.
Wir sind komplett versandet und verschwitzt. Campen in der Wüste scheint bei diesem Wetter schwer möglich. Als der Fahrer uns dann anbietet die Fahrräder auf seine Ladefläche zu packen, nehmen wir das Angebot an. Während der Fahrt plärren Gassenhauer von Modern Talking und Tarkan aus den kratzigen Lautsprechern. In der gemütlichen Fahrerkabine erreichen wir, mit einer Geschwindigkeit, die nur wenig schneller ist als unsere mit dem Fahrrad, zweieinhalb Stunden später den Stadtrand von Türkmenabat. Es ist zu dunkel, um noch in die Stadt zu fahren, daher wird uns erlaubt die Zelte auf dem Fußballplatz hinter einer Schule aufzustellen. Im Dunkeln kommt ein Polizist mit Taschenlampe vorbei und erklärt uns, dass man hier nicht campen darf.
„Wir haben gefragt und man erlaubte uns hier zu übernachten.“
„Achso, okay!“
Na wenn sich Probleme nur immer so einfach lösen ließen.

Wir haben viel geschafft in den letzten Tagen und wollen einen Ruhetag in Türkmenabat einlegen. Das selbe Spiel wie zuvor in Mary. Zwar sind wir bereits um 8 Uhr morgens in der Stadt, aber erst gegen Mittag haben wir eine akzeptable Unterkunft gefunden. Zuvor eskortieren uns mehrere Autos zu verschiedenen Plätzen, auf Nachfrage bei Passanten deutet man in unterschiedlichste Richtungen, ein Hotel ist gar nicht mehr vorhanden und die Stadtkarte aus dem Reiseführer ist komplett falsch. Es gibt keinen Marktplatz, kein Stadtzentrum oder eine Einkaufspassage, wie es bei uns der Fall ist. Alles ist lieblos aneinandergestückelt, einzig die staatlichen Prunkbauten, das Theater und die überlebensgroßen Statuen des Diktators Turkmenbaschi stechen heraus.

Auch in dieser Stadt ist es wie vorher. Entweder die Begegnungen sind sowjetisch-kalt und kurz angebunden oder man ist nett wie eine Frau, die uns, als wir mitten auf der Hauptstraße mal wieder andere Reiseradler treffen und uns kurz unterhalten, einfach Süßigkeiten und Tee heraus bringt. Was ich von dieser Dualität halten soll, weiß ich noch nicht. Aber ich habe auch, dem Transitvisum geschuldet, keine Zeit mehr es herauszufinden. Es sind nur noch ein paar Kilometer bis zur Grenze nach Usbekistan, dann beginnt ein Abenteuer in einem weiteren Land mit starken russischen Einflüssen.

2 Kommentare, Geschrieben am 05. Juni 2011, goeast 2011, Iran

Dieser Artikel ist zeitlich vor dem Letzten angesiedelt. Warum? Weiterlesen!

Wir legen zwei Ruhetage in Tehran ein, wo wir bei einer über drei Ecken bekannten Familie unterkommen können. Der Familienvater ist 67 Jahre alt und Projektmanager. Eigentlich ist er schon lange Rentner, aber er hat so viel Spaß am Arbeiten, dass er gar nicht zuhause bleiben will. Sein Sohn, auch Projektleiter, wohnt mit in der Wohnung, genau wie seine Tochter, Grafikdesignerin. Die beiden Kinder, 35 und 30 Jahre alt, sprechen sehr gut Englisch und von ihnen erfahren wir viel über das Leben im Iran.
Die Wohnung ist 200qm groß und liegt im nördlichen, wohlhabenden Teil Tehrans. Man hat hier die Berge im Rücken und blickt hinab auf den Rest der Stadt. Es fühlt sich an wie zuhause. Zum Frühstück gibt es Kellogg’s Cornflakes (die Packung hat hier aber zusätzlich den Aufdruck, dass absolut keine Teile von Schweinen mit drin sind – ich hoffe eigentlich das ist bei uns auch nicht der Fall) mit Milch, Honig und Walnüssen, alles ist modern eingerichtet und sie haben, verbotenerweise, Satellitenfernsehen mit Sendern aus aller Welt.

Ich erfahre, dass hier eigentlich alle einigermaßen gebildeten Menschen gegen die Regierung sind und rebellieren wo immer es nur geht. Ähnliches bestätigen auch alle Personen, die ich auf dieses brisante Thema anspreche.
Alle Haushalte haben offensichtlich Alkohol zuhause, obwohl Besitz und Konsum streng bestraft werden. Aber was in einer Wohnung passiert, geht niemanden etwas an. Abends trinken wir Whiskey und essen dazu Melone und Oliven. Wir bestellen sogar Pizza beim Italiener. Kurios! Und ein starker Kontrast zum einfachen Leben der Menschen, wie wir es in den letzten Wochen kennen gelernt haben.
Die konservative Kleidung mit Tschador und kompletter Verschleierung ist wohl auch nur oberflächlich. Darunter sind die Frauen schick angezogen und geschminkt. Wenn sie auf eine Party gehen, reißen sie den Tschador runter und sind dann noch viel freizügiger gekleidet als bei uns in Deutschland.
Fast alle Frauen haben in Tehran übrigens operierte Nasen, weil das Gesicht das einzige einer Frau ist, was man in der Öffentlichkeit sieht. Wenn man einfach so durch die Stadt läuft, sieht man auch bei vielen Nasenpflaster von der letzten Operation mitten im Gesicht kleben. Manchmal auch bei Männern.

Von der (Haus)-Frau des Hauses werden wir ziemlich gut bekocht und sind sehr willkommen. Leckere einheimische Speisen sind gelungene Abwechslung zu den eintönigen Kabaps (Hackfleischspieße mit Reis und Tomaten), die wir immer an der Straße in LKW-Restaurants gegessen haben. Auswahl gab es dort nicht.
Tehran ist anders, sehr modern, teilweise westlich mit gebildeten Menschen und viel Geschichte.

An unserem letzen Abend in Tehran bekommt die Familie Besuch von Großmutter, Schwiegertochter und Nichte und alle sind in Aufruhr. Man sitzt um einen kleinen Tisch auf dem Boden, es werden kleine Snacks zum Essen gereicht und die letzten Neuigkeiten ausgetauscht. Überhaupt findet auch an jedem normalen Tag in dem kleinen Raum, den man bei uns als Durchgangszimmer oder Flur bezeichnen würde, immer viel Konversation statt. Das Familienleben bedeutet allen viel und man kann ihnen das Glück vom Gesicht ablesen, wenn vier Generationen um den selben Tisch hocken.

Wir fahren zum Milad Tower, dem sechsthöchsten Gebäude der Welt und dem Höchsten im Nahen Osten. Eigentlich wurde er 1998 eröffnet, aber fertig ist hier noch lange nicht alles. Überall stehen Leitern und Maschinen, die seit Ewigkeiten nicht mehr bewegt wurden. Immerhin funktioniert einer der sechs Aufzüge, der in unglaublicher Geschwindigkeit 300 Meter zur Aussichtsplattform zurücklegt. Oben erwartet uns ein Weitblick, der mich zum ersten Mal die Größe Tehrans im Ansatz erahnen lässt. Im Norden wird die Stadt durch die Berge begrenzt, aber im Süden erstrecken sich die Häuser soweit das Auge reicht. Klein sieht man die Highways auf denen der Verkehr einigermaßen fließt. Im starken Kontrast zu den Staus abseits der Schnellstraßen. Wer wusste, dass Ahmadineschad einen Doktortitel in Verkehrsmanagement hat?

Das Internet im Iran unterliegt strenger Kontrolle. Die Zugänge sind unglaublich langsam und die Regierung sperrt Webseiten wie Facebook, Twitter, Flickr, aber auch Google Deutschland oder Spiegel funktionieren nicht. Es gibt Wege die Sperren zu umgehen und fast jeder nutzt sie hier. Warum dann überhaupt das Ganze?
Diesen Artikel traue ich mich auch erst zu publizieren als wir den Iran verlassen haben. „Big brother is watching you“, manchmal jedenfalls.
Abgesehen davon hatten wir keine Probleme mit dem Gesetz und haben die Einschränkungen des Staates nicht persönlich zu spüren bekommen. Mein Fazit des Landes ist, dass es sehr verzerrt in unseren Medien dargestellt wird und mir die Unterdrückung und Beschneidung der Rechte der Bevölkerung ein wenig Kopfzerbrechen bereiten. Unangefochtene Nummer eins der gastfreundlichsten Länder auf unserer bisherigen Tour ist das Persische Reich auf jeden Fall.
Im Iran besteht zum jetzigen Zeitpunkt für Touristen absolut keine Gefahr, auch wenn einem das viele weiß machen wollen. Ich bin sehr froh, dass wir die Route durch dieses wunderbare Land wählten.

Hinterlasse einen Kommentar, Geschrieben am 04. Juni 2011, goeast 2011, Iran

Hinter Tehran beginnt die Kavir-Wüste. Ich bin sehr gespannt auf die neue Landschaft und meine Erwartungen sollen nicht enttäuscht werden. Wir müssen uns anders organisieren und genug Vorräte für ein, zwei Tage mitführen. So dünn besiedelt ist es aber doch nicht, wir fahren immer mal wieder durch kleine Städte und vermeiden vorallem die Schnellstraße nach Osten, stattdessen nehmen wir einen landschaftlich anspruchsvolleren Umweg.

Nach zwei Tagen Camping in sicherem und geschützten Abstand zur wenig befahrenen Straße sind wir nur noch eine Tagesetappe von Mashhad entfernt. Die Dämmerung setzt langsam ein und auf dem flachen Hochplateau gibt es keinen geschützten Schlafplatz. Eine Farm taucht auf und uns wird erlaubt dort unsere Zelte aufzustellen. Wir werden ziemlich bald in die aus Sandstein gebaute und schief dastehende Behausung der Bauersfamilie gebeten. Sie besteht aus Küche, Wohnzimmer und Schlafzimmer (Mutter, Vater und Tochter schlafen im selben Raum). Die Grundfläche des flachen Gebäudes beträgt insgesamt höchstens 30qm. Es ist spartanisch eingerichtet, aber trotzdem werden uns Wassermelone, Tee und geröstete Sesamkerne serviert. Eifrig wischt der Mann den Staubfilm von der Mattscheibe des uralten Fernsehers. Die Fenster werden geöffnet und in den dunklen, mit Teppichen ausgelegten Raum fallen noch ein paar Sonnenstrahlen, in deren Schein man den Staub sich bewegen sieht. Man ist wie immer interessiert an unserem Vorhaben und wir versuchen durch unsere Anwesenheit und Gespräche den Menschen auch etwas zurückzugeben.
Schließlich wollen wir das Haus verlassen, um unser Abendessen bei den Zelten zu verspeisen. Wir werden zuerst nicht gehen gelassen, da die Frau des Hauses offensichtlich gerade den Herd anheizt und ein Hühnchen zurecht gemacht hat. Wir sollen in zwei Stunden wiederkommen, dann gibt es Essen!
Es ist unmöglich sie davon zu überzeugen, dass wir unser Proviant dabei haben und dass wir wirklich nicht solche Umstände machen wollen. Abgesehen davon ist der Tag anstrengend gewesen und in zwei Stunden ist es bereits lange dunkel. Tatsächlich kommt der Bauer, der uns vorher stolz seine gut genährten Kühe und Schafe zeigte, irgendwann als ich schon längst schlafe, um uns für Hühnchen und Reis wieder ins Haus zu bitten. Ich bin noch am Träumen und bleibe verschlafen liegen, Thomas geht alleine mit. Ein Fall, wo die Gastfreundschaft so groß ist, dass es fast unangenehm wird. Ich möchte verhältnismäßig armen Menschen keine solchen Umstände machen und ihre Ehre erlaubt es nicht mal, dass man ihnen ein Angebot abschlägt.
Trotz allem, wie immer, eine schöne Begegnung.

Schließlich erreichen wir Mashhad, das Pilgerzentrum und religiöseste Stadt des Landes. „Vali’s Non-Smoking Homestay“ ist unser Ziel, eine Unterkunft, die uns schon von vielen empfohlen wurde. Es ist sehr familiär, wir wohnen im Haus der Familie, müssen aber im Innenhof auf Teppichen schlafen, da drinnen heute alles belegt ist. Das ist kein Jammer, denn draußen ist es nicht ganz so heiß und stickig und Teppiche sind auch gemütlich.
Zum Abendessen sind noch einige andere Gäste da und auf der Dachterasse werden bei reichlich Tee auf einer Plastikunterlage leckere iranische Speisen angerichtet. Die meisten sind, genau wie wir, in Richtung Turkmenistan und Usbekistan unterwegs. Manche mit dem Bus, andere mit dem Motorrad oder eben mit dem Fahrrad.
Ein Pärchen um die 50 Jahre aus den Niederlanden ist auch anwesend. Sie haben letztes Jahr ihr Haus verkauft und sind all ihr Hab und Gut losgeworden. Ihr ganzer Besitz passt nun in die Satteltaschen der Fahrräder und der einzige Draht in die Heimat ist die Kreditkarte.
Ein Japaner machte seinen Weg mit dem Bus von London nach Polen, kaufte sich dort ein Fahrrad und ist mit diesem bis nach Mashhad gekommen.
Es scheint als wäre Valis bescheidenes Haus in der Innenstadt von Mashhad ein Sammelbecken für allerlei Weltreisende, Aussteiger und andere Verrückte. Irgendwie schön.

Verwunderlicherweise gibt es auch bei unserem Turkmenistan-Visum keine Probleme. Wir haben es in Tehran beantragt und bekommen es nach einer Viertelstunde Wartezeit in Mashhad in den Pass geklebt. Alle Einreisefragen für die nächsten Wochen sind damit erstmal geklärt und wir können uns wieder komplett auf den Tritt in die Pedale konzentrieren.
Es sind noch 170 Kilometer bis zur Grenze nach Turkmenistan und ich bin ein bisschen traurig den Iran zu verlassen. In über zwei Wochen habe ich das Land, die Menschen und die Landschaft lieben gelernt. Das Streckenprofil ist hier vorallem verhältnismäßig eben, daher bleibt nur noch der Wind als ständiger Feind des Radfahrers. Er verhält sich hier ziemlich komisch. Stundenlang kann er konstant von vorne pusten und nach einer kurzen Mittagspause dreht er um 180° und schiebt uns den Weg weiter. Das verstehe wer will.

Hinterlasse einen Kommentar, Geschrieben am 30. Mai 2011, goeast 2011, Iran

Zu der alltäglichen Routine des Radreisenden gehört neben essen, trinken und radeln auch die Schlafplatzsuche. Wir haben die Optionen in ein Hotel oder eine Pension zu gehen oder wild zu zelten. Campingplätze gibt es auf unserer Route schon lange keine mehr.
Selbst die Hotelsuche in Städten gestaltet sich einigermaßen schwierig. Unterkünfte sind genau wie alles andere in schnörkeligen Lettern beschriftet, die wir nicht lesen können (meine anfänglichen Versuche das Persische Alphabet zu lernen habe ich aufgegeben – 32 “Buchstaben”). Manchmal fehlt auch jeder Hinweis. So läuft es meist darauf hinaus, dass wir Leute an der Straße fragen und nur einige Sekunden später bildet sich eine Menschentraube um uns. Irgendwer kann meist ein paar Brocken Englisch und es wird wild gestikuliert und gedeutet. Manchmal eskortiert uns ein Auto zum meist überteuerten Hotel. Wenn wir versichern, dass wir wirklich keinen Luxus benötigen, bringt man uns zum örtlichen Mosaferkhaneh (simple, sehr einfache Unterkunft für Reisende (mosafer)).

An anderen Tagen bauen wir zusammen mit Alfred aus der Schweiz eine kleine Zeltstadt auf. Mit seinem Gaskocher in der Mitte bereiten wir uns abermals aus einem Kilo Nudeln, Zwiebeln, Paprika und Tomatensauce ein Mahl, das durch nichts anderes zu ersetzen wäre. Wie sehr man alltägliche Dinge wie Nudeln oder Schwarzbrot vermissen kann, wird jetzt erst richtig deutlich.

Aus diesem Abend zwischen Birken an einem Bach in wunderschöner Idylle wird in der Nacht ein Albtraum. Ein Gewitter, das seinesgleichen sucht, zieht auf und es hört bis zum nächsten Mittag nicht mehr auf wie aus Strömen zu regnen.
Mein Körper ist noch immer nicht richtig fit und diese Nacht ist wenig erholsam. Die Regentropfen, die auf das Zeltdach donnern, fühlen sich an wie Schläge im Kopf. Die Gedanken sind vernebelt, immer wieder rumort der Magen und es fällt schwer die Augen zu schließen. Ab und an trifft ein Schwall Wasser vom Baum auf das Zelt und durch die Wucht lösen sich ein paar Tropfen Kondenswasser von der Zeltinnenseite, die mich mehr oder weniger sanft wieder aus dem Schlaf reißen.
Glücklicherweise sind auch die Frühaufsteher Alfred und Thomas nicht wieder um 6:30 Uhr morgens schon am einpacken, sondern wollen auch das Ende des Gewitters abwarten. Ich schlafe noch bis 11 Uhr, dann geht es in einer kurzen Schauerpause los.
Es hat sich gelohnt, denn bald kommt die Sonne heraus, die Straßen trocknen und der Weg führt uns endlich mal ohne viel Verkehr und Abgase den ganzen Nachmittag an einem Fluss entlang bergab. Nur einige Tunnel gibt es hier, bei denen man versuchen sollte so schnell wie möglich durch zu sein, denn Lüftung und Beleuchtung gibt es nicht und die verqualmte, verbrauchte Luft steht bewegungslos in der Röhre und erschwert das Atmen.

Wir sind nun wieder ohne Alfred unterwegs, haben aber die Tage mit deutschsprachiger Begleitung, die frischen Wind in den Alltag bringt, sehr genossen. Wir kommen zügig voran und mit dem stetigen Tritt in die Pedale ändert sich auch die Landschaft. Nach der Fahrt durch grüne Täler, die von hohen Bergen eingerahmt sind, ist die Straße nun von nicht viel umgeben, die Temperaturen erreichen mühelos 30°C und mit der kargen Vegetation sieht es fast aus wie Wüste. Wir fangen nun an sehr früh aufzustehen und die Stunden um den Zenit der Sonne im Schatten unter ein paar Bäumen zu verbringen. Das bringt Erholung für den Körper und nette Begegnungen mit anderen Picknickern. Man sagt die Iraner seien die inoffiziellen Picknickweltmeister – überall sieht man sie auf Decken herumsitzen. Aber nie allzuweit entfernt von der Straße, laufen tun sie nämlich nicht so gern! Sehr beliebt ist daher auch das Ausbreiten der Picknickdecke auf dem Grünstreifen zwischen zwei Fahrspuren.

Wir suchen einen Platz für unsere Zelte, aber die Landschaft ist flach und bietet keinen Schutz vor ungewünschten Blicken. Nur an einer Stelle findet sich ein Rechteck aus Bäumen, offensichtlich eine Plantage. Quer durch führt ein kleiner Weg und genau in der Mitte des 20ha großen Gebietes ist ein kleines Gebäude mit lautem Dieselgenerator. Davor wäscht sich ein Mann kaum älter als wir oberkörperfrei an einem Wasserschlauch. Wir fragen, ob wir irgendwo hier unsere Zelte aufstellen können, bekommen aber keine eindeutige Antwort. Erstmal bekommen wir kalte Pepsi, Wasser, Kekse und Pistazien vorgesetzt und man bedeutet uns zu warten. Der Mann, Mustafa, versucht verzweifelt jemanden mit seinem Handy zu erreichen und holt dann ein Gewehr, mit dem er draußen einen Schuss in die Luft abfeuert. Was hat das zu bedeuten?
Wir warten weiter und als ich herausgehe und mich nach dem Stand der Dinge erkundige, zieht er mich hoch auf einen Traktor und bekomme dann das ganze Gelände gezeigt. Dass deutsche Traktoren die besten seien, habe ich jetzt bereits gelernt.
Können wir jetzt eigentlich hier irgendwo schlafen? Ja klar, im Haus. Er ist offensichtlich Besitzer des Geländes und wir breiten unsere Schlafsäcke glücklich in dem mit Teppichen ausgelegten Wohnzimmer aus. Als es dunkel ist und wir schon schlafen, weckt er uns noch einmal auf und deutet auf die Plastikfolie auf dem Boden, die im Iran meist den Küchentisch ersetzt. Darauf sind Teller mit Kidneybohnen in Soße und Thunfisch. Diese Zutaten vermengt man miteinander und isst sie dann mit Brot, Tomaten und Gurken. Wie hätten wir auch nur erwarten können zu Gast in einem solchen Land kein Essen bereitet zu bekommen?

Die Nacht wird begleitet vom Dieselgenerator im Haus, der im Prinzip aus dem alten Motor eines Traktors besteht. Der riesige Motorblock ist fast zwei Meter lang und halb so hoch. Warum der über Nacht nicht ausgestellt wird, weiß ich nicht. Wahrscheinlich, weil der Sprit im Iran so günstig ist? Das monotone Rattern beschert uns jedenfalls eine Nacht mit lautstarker akustischer Untermalung. Fast wie die LKW auf der Straße.
Früh am Morgen werde ich mit einer Massage geweckt. Mustafa knetet Rücken und Arme kräftig durch, er selbst ist schon seit einer Weile am Frühsport machen und hüpft aufgeregt durch die Wohnung. Ohne Frühstück will er uns nicht gehen lassen und ohne Geschenke erst recht nicht. Ein riesiges Glas selbstgemachten Honig können wir ihm nicht abschlagen, dazu gibt es noch Walnüsse und Rosinen.
Wieder einmal geht eine Begegnung zuende, bei der die Freundlichkeit und Offenherzigkeit so überwältigend sind, dass es fast schon zu viel ist. Nachdem ich noch ein paar Kleinigkeiten aus unserem Fundus übergeben habe und wir E-Mail-Adressen ausgetauscht haben, begleitet uns Mustafa bis zum Rande seines Anwesens und winkt uns eifrig nach.

Trotz fehlendem Ruhetag bin ich wieder topfit. Vor einigen Tagen hätte ich lieber zuhause im Bett gelegen und wäre dem gewöhnlichen Alltag nachgegangen, aber das Durchbeißen hat sich gelohnt. Nachdem man einen neuen Tiefpunkt kennen gelernt hat, ist die Normalität so schön wie nie zuvor. Die tollen Begegnungen entschädigen für alle Strapazen und die Räder rollen fast wie von selbst über das ebene Gelände.

Wir erreichen Tehran, die Hauptstadt des Irans, nach zwei aktiven Tagen mit insgesamt 340 Kilometern. Jährlich sterben hier in der Stadt 10.000 Menschen nur an den Folgen der Luftverschmutzung. Der Verkehr ist gar nicht so schlimm wie ich laut anderen Erfahrungsberichten erwartet hätte. Man wird öfter mal geschnitten und fast angefahren, aber eigentlich nicht viel anders als in deutschen Großstädten.

Lonely Planet meint allerdings zu dem Thema: „The sheer volume of traffic can be overwhelming and makes crossing the street seem like a game of Russian roulette, only in this game there are fewer empty chambers. Indeed, it is hard to overestimate the risk of an accident, whether you’re in a vehicle or on foot. It may not be much consolation, but the law says that if a driver hits a pedestrian the driver is always the one at fault and the only liable to pay blood money to the family of the victim.“

1 Kommentar, Geschrieben am 22. Mai 2011, goeast 2011, Iran

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