Wir erreichen Samarkand, eine weitere bedeutende Stadt entlang der Seidenstraße. Das Aushängeschild der Stadt ist das Registan, der antike Hauptplatz. Mir gefällt der Baustil der alten Gebäude, die mit Ziegelsteinen gemauert und mit blauer Farbe verziert sind. Hier findet man echte Geschichte und sieht jahrhundertealte Handwerkskunst im Vergleich zu Moscheen in den vorherigen Ländern, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Sie sehen zwar auch nett aus, aber ihre Substanz ist ein neumodischer Betonklotz mit goldener Farbe auf der Kuppe.
Mein Schwager nimmt die lange Reise aus Deutschland auf sich und bringt uns, nicht ohne selbst ziemlich viel Spaß an dem Kurztrip zu haben, ein paar Ersatzteile vorbei. Wir verbringen einen Tag in Samarkand, essen reichlich und landen sogar in einem usbekischen Badehaus. Das Hammam ist spärlich besucht, aber eine solch traditionelle und gründliche Wäsche ist bei mir offensichtlich dringend nötig. Nach zwei Runden, die aus saunieren, duschen, einseifen, waschen, duschen und schwimmen bestehen, fühle ich mich wie neugeboren.
Das Badehaus ist im Keller eines Gebäudes und durch verstaubte Fenster in der Kuppel eines jeden Raumes fällt nur spärliches Licht. Hier und da brennt eine schummerige Glühbirne, die mit surrendem Geräusch alle paar Sekunden ihre Helligkeit verändert. Die einzelnen Räume sind durch schmale Gänge verbunden, in denen man geduckt gehen muss, um sich nicht den Kopf zu stoßen. Im Sauna-Bereich fällt das Atmen schwer und der Steinboden ist glühend heiß. Nach Sekunden rinnt mir der Schweiß herunter, aber das ist okay, wenn man weiß, dass die nächste Abkühlung nicht weit entfernt ist.
Letztendlich ist die Haut ist wieder von Staub, Sand, Dreck und Sonnencreme befreit. Ein Wellness-Tag für Radreisende.
Als wir unseren Weg nach Kirgistan wieder aufnehmen, machen wir Mittagspause in einem Restaurant. Fast wollen wir schon wieder aufbrechen, da tritt jemand mit einer Herausforderung zum Billard an mich heran. Die nehme ich gerne an. Kurz darauf muss ich feststellen auf welch kuriose Weise hier gespielt wird. Die Kugeln sind wesentlich größer als üblich, die Taschen dafür aber kleiner. Möchte man eine Kugel einlochen, bleiben links und rechts von ihr höchstens zwei Millimeter Spielraum. Da man eine solche Präzision auf diesem Tisch nicht hinbekommt, da er ebenso schief und hügelig ist wie die usbekischen Straßen, versuchen die Einheimischen einfach mit möglichst viel Gewalt Glückstreffer zu landen. Der Queue wird nicht als Präzisionswerkzeug verwendet, sondern als Ritterschwert, mit dem man durch Schleudern versucht irgendetwas zu erreichen.
Kaum bin ich wieder zurück im Restaurant, werden wir ein weiteres Mal von unserem Aufbruch abgehalten. Eine Gruppe älterer Männer läd uns zum Bier ein. Wir gesellen uns dazu und einige Minuten später vergrößert sich die Truppe durch Neuankömmlinge. Es stellt sich heraus, dass hier Ausnahmslos Lehrer und Ärzte versammelt sind. Man hat wohl nicht viel Zeit und so befiehlt der Goldzahn-bestückte Anführer direkt, dass viel Salat, Brot, Dip, Fleisch sowie Vodka und Bier gebracht werden sollen. Das folgende Prozedere wiederholt sich nun mehrere Male. Ein Mann der Gruppe steht auf und hält einen Monolog, danach wird sich zugeprostet und man versucht möglichst schnell den Vodka zu leeren. Er wird in kleine Schälchen gefüllt und als Demonstration, das man wirklich den letzten Tropfen in sich geschüttet hat, haut man die Schale so schnell wie möglich umgekehrt auf den Tisch. Der beste Trinker wird gelobt und danach wird wieder aufgefüllt und nur wenige Minuten später beginnt das Spiel von vorne.
Nach kurzer Zeit sind die meisten schon am Lallen, wir haben anfangs geschummelt, da wir uns eine Vodka-Müslischale zu zweit teilten. Mein Sitznachbar schiebt mir freudig ein Stück Hammelfleisch auf den Teller. Allerdings ist kein Fleisch an dem langen Knochen zu erkennen. Einzig eine glibberig-weiße Fettmasse in der Größe einer Zigarettenpackung hängt lustlos herunter. „Ähh, danke!“
Eine Stunde später ist der Spuk vorbei. Die Versammlung löst sich auf, vielleicht müssen die Professoren wieder in die Uni oder die Ärzte zurück ins Krankenhaus?
Als wir auf die Fahrräder steigen, wird uns erst bewusst wieviel des russischen Vodkas, den man fast wie Wasser trinken kann, wir eigentlich so hatten.
Ähnliches wiederfährt uns einen Tag später. Drei Männer vom Nebentisch laden uns zu Plow und Vodka ein, diesmal findet aber nur eine überschaubare Anzahl von Vodkaschüsseln in unsere Mägen. Man versucht uns zu überzeugen, dass man das Reisgericht von der großen Platte auf der Mitte des Tisches traditionell mit den Fingern isst. Man drückt es zu einem Ballen zusammen und schiebt es sich dann irgendwie in den Mund. Thomas verbrennt sich die Finger bei dem Versuch und der Alte neben ihm versucht ihm wehement mit seiner eigenen Hand und dunkelbraunen Fingernägeln den Reis in den Mund zu stopfen. Thomas wehrt sich und ich amüsiere mich köstlich. Und bleibe beim Vodka.
Als wir an einem Mittag in Bekabad, einer gar nicht so kleinen Stadt, ankommen, werden wir beim Besuch des Basars von Menschenmassen umringt. Ganz neu ist die Neugierde der Einheimischen nicht, aber diesmal waren es wirklich ziemlich viele. Sie sind nicht aufdringlich, aber durchaus neugierig und dreißig oder mehr Münder plappern ununterbrochen auf Usbekisch auf uns ein.
Die Stadt liegt an der tadjikischen Grenze und ist weit abseits der Hauptstraßen, die durch das Land führen. Offensichtlich hat man hier noch nie einen europäischen Touristen gesehen.
Wir bahnen uns den Weg aus dem Getümmel und sehen fast schon am Ortsausgang einen Kanal neben der Straße, in dem ein paar Menschen baden. In der Mittagshitze kommt uns das als Abkühlung gerade recht und so springen wir auch ins kühle Nass. Die Strömung ist enorm und ich schaffe es mit aller Kraft nicht stromaufwärts zu schwimmen. Daher laufen die Leute hundert Meter nach oben und springen dann auf allerlei Arten ins Wasser. Man lässt sich runter treiben und muss dann an geeigneten Stellen irgendwie den Weg aus dem schrägen Kanal finden.
Wir campen nach einem harten Tag mit Ausblick auf Industrieidylle. Eine kilometerlange Grube, die von einem Staudamm begrenzt wird, fällt direkt neben unserem Zeltplatz steil ab. Abends ist noch wunderbarer Sonnenschein, aber als es dunkel wird, kommt Wind auf, der sich später zu einem Sturm wandelt. Der Wind peitscht seitlich gegen die Zeltwände und reißt es fast mit. Blitz und Donner kommen auch noch dazu und kurz darauf gewittert es wie aus Eimern. Wir sind irgendwo im Nirgendwo und es fühlt sich an als würde die Welt untergehen.
Ich setze mich aufrecht in das Zelt und halte mit aller Kraft die Stangen fest, aber bei einigen Böen reicht meine Kraft nicht aus und das Zelt neigt sich gefährlich schief in den Wind und droht abzuheben.
Nach Stunden ist alles vorbei und als ich nach der schlaflosen Nacht morgens aus dem Zelt steige, begrüßt mich die Sonne als wäre nie etwas geschehen.
Wir überwinden einen 2200m hohen Pass, um in das Ferghanatal zu gelangen, das dichtbesiedelste Gebiet Zentralasiens. Durch das heiße Klima und viele Flüsse ist es enorm reich an Landwirtschaft und an den Straßen findet man noch mehr Aprikosen-, Melonen- und Gemüseverkäufer als überall sonst in Usbekistan.
Der Anstieg ist 15 Kilometer lang mit 12% Steigung. Wir machen uns zunutze, dass ein LKW langsam vor uns den Berg hochkriecht und halten uns kurzerhand an ihm fest. Der Beifahrer gibt uns Tücher heraus, damit die Finger nicht so schnell einschlafen. Zwischendurch treten wir etwas mit und erreichen nach gefühlten Ewigkeiten den Gipfel. Ab dort geht es vierzig Kilometer bergab und wir müssen kein einziges Mal in die Pedale treten. Thomas und ich sind uns einig, dass wir noch nie eine so rasante, lange und wunderschöne Abfahrt gefahren sind.
Bukhara ist die erste große Stadt in Usbekistan, die wir erreichen. Offensichtlich ist Bukhara auch bei Europäern ein beliebtes Ziel, denn wir treffen zum ersten Mal auf unserer gesamten Tour auf Reisegruppen, die sich die wirklich schöne Altstadt ansehen. Schaut man hinter die Kulissen oder klopft mal an die massiv aussehenden Steinwände mancher Gebäude, merkt man, dass hier etwas hohl ist. Viel wird wohl nur als Fassade für die Touristenströme aufgezogen, obwohl man nicht von der Hand weisen kann, dass die Stadt eine lange Historie hat. Verlässt man die Altstadt nach Süden, hören die anmutigen Ziegelsteinbauten schlagartig auf und der eigentliche Baustil der Usbeken kommt zum Vorschein.
Im Umkreis von hundert Metern um den zentralen Platz Lyabi-khauz, der mit einem um 1620 angelegten Wasserbecken ausgestattet ist, gibt es dutzende Hotels. Wir treffen hier fast alle Leute wieder, die wir in den letzten zwei Wochen kennen gelernt haben. In der kompakten, aber wunderschönen Altstadt läuft man sich zwangsläufig über den Weg und wir tauschen aktuelle Erfahrungen aus.
Eine interessante Geschichte haben zwei Engländer zu berichten, die sich aus Zufall in Südkorea kennen gelernt haben. Sie wanderten dorthin aus und arbeiteten als Englischlehrer. Nach knapp einem Jahr kam die Idee auf mit dem Fahrrad wieder in die Heimat zu fahren und als genügend Geld gespart war, nahmen sie die Idee in Angriff. Als wir sie in Usbekistan treffen, haben sie China bereits komplett durchquert und geben uns ein paar nützliche und interessante Informationen.
Im Vergleich zu unserer Detailplanung sind sie allerdings relativ unorganisiert. Auf Landkarten verzichten sie vollkommen, was einmal dazu führte, dass sie in Kirgistan tagelang insgesamt 800 km in die falsche Richtung fuhren.
Alle anderen sind wie wir in die entgegengesetzte Richtung, nach Osten, unterwegs. Im Gegensatz zu uns haben sie alle ziemlich viel Zeit, meist mehrere Jahre, sind komplett ohne Zeitlimit unterwegs oder reisen nach dem Motto „solange das Geld reicht“. Ich liebe das Reisen, aber für eine solche Dauer wäre das für mich unvorstellbar. Auf lange Sicht nie zu wissen, wo man am Abend landet, immer wieder die selben Fragen „wo kommst du her?“, „wo gehst du hin?“ beantworten, die tägliche, ungewisse Suche nach einem Schlafplatz auf sich nehmen und dabei ständig sein komplettes Hab und Gut auf dem Fahrrad mitschleppen. Das alles macht mir durchaus Spaß, aber als kompletter Lebensinhalt wäre es mir zu wenig.
Wenn wir anhalten, um etwas zu trinken, etwas im Reiseführer nachzuschauen oder uns kurz zu beraten, werden wir meist innerhalb von kurzer Zeit von vielen neugierigen Leuten umringt. Wir geben zu verstehen, dass wir mit dem Fahrrad aus Deutschland kommen, aber leider weder Usbekisch, noch Russisch sprechen. Trotzdem brabbelt man weiter fröhlich auf uns ein. Eigentlich versuche ich dann immer mit Gestiken weiter zu machen, aber das hilft hier nicht mehr. Daher haben wir uns überlegt einfach auf unserer Sprache genau wie sie irgendetwas zu reden.
Eine typische Konversation:
Usbeke: „bla bla bla“ auf Usbekisch/Russisch
Ich: „Germanje“ („Deutschland“, das ist meist die richtige Antwort auf die erste Frage)
Usbeke: „bla bla bla“
Ich: „No Russki“
Usbeke: „bla bla bla“
Usbeke: „bla bla bla“
Usbeke: „bla bla bla“
Ich: „Ja, es geht uns gut, wir sind auf dem Weg nach Samarkand und werden gleich unter den Bäumen da vorne unsere Melone aufschneiden, die schmecken nämlich ziemlich gut hier bei euch.“
Usbeke: „…“
Usbeke: „bla bla bla“
Ich: „Ziemlich heiß, stimmt. Aber der Fahrtwind kühlt ganz gut. Wir stehen immer recht früh auf, morgens fährt es sich dann recht angenehm. Nach einer langen Mittagspause geht es dann weiter sobald es ein bisschen abgekühlt hat.“
Usbeke: „bla bla bla“
Ich: „bla bla bla“
Und irgendwie ist es dann doch ein Gespräch, das allen Spaß macht. Alle haben ein Grinsen auf dem Gesicht und die Verabschiedung ist herzlich. Es ist fast wie eine Unterhaltung mit manchen Personen auf Deutsch, die gar nicht zuhören, wenn mal der andere am Reden ist.
Usbekistan gefällt mir sehr gut und ist eine deutliche Verbesserung im Vergleich zu Turkmenistan. Die Menschen sind nett und aufgeschlossen und es gibt Infrastruktur in Form von Läden am Straßenrand oder Hotels in Städten (ja, solche einfachen Dinge sind in manchen Ländern nur sehr spärlich gesät).
Wir probieren zum ersten Mal Plow, das Nationalgericht. Dabei handelt es sich um Reis mit Zwiebeln, Karotten und Hammelfleisch, das in riesigen Töpfen lange Zeit gegart wird. Hammel ist generell ein sehr fettes Fleisch, aber dass sich daumengroße Fettklumpen im Essen befinden, hätte ich nicht erwartet. Trotzdem, oder wahrscheinlich gerade deswegen, ist Plow eine der besten Speisen, die wir seit vielen Tagen gegessen haben.
Bezahlen müssen wir mit einem Stapel von Geldscheinen, denn der größte verfügbare Schein ist nur etwa 40ct wert. Überall sieht man daher Leute unmengen an Geld durchzählen. Die Geldwechsler auf dem Schwarzmarkt sind sogar mit Sporttaschen voller Scheine unterwegs. Warum führt man da nicht einfach größere Geldscheine ein?