Wir überqueren die Grenze nach Turkmenistan ohne größere Probleme. Normalerweise werde hier jedermanns Gepäck durchleuchtet, aber bei uns verzichtet man darauf: „We trust you“. Die Zollbeamtin fragt, ob wir Drogen oder Waffen dabei haben, denn die gäbe es ja im Iran zuhauf. Sie schüttelt abwertend den Kopf als wir sagen, dass wir fast drei Wochen in diesem Land waren.
Das Land der großen Wüste ist ganz anders organisiert als das, woran wir uns im vergangenen Monat gewöhnten. Inmitten einer Stadt findet man schwerlich Geschäfte und wenn, dann sind sie manchmal nicht auszumachen, denn es ist einfach eine Tür, die aussieht wie der Zugang zu einem Wohnhaus. Auch Hotels haben meist keine Schilder draußen hängen, das heißt wir müssen uns durchfragen. Sehr schwer, denn ohne Russisch oder die Landessprache geht hier nicht viel.
Dieser Zustand wird uns in Mary, der letzten größeren Stadt bevor die Wüste richtig beginnt, zum Verhängnis. Wir verbringen zwei Stunden damit eine Unterkunft zu suchen, aber was wir finden ist entweder ein Luxushotel oder aber hoffnungslos überteuert. Es gibt generell zwei Preislisten: Eine für Einheimische in Turkmenischen Manat und eine für alle anderen in Dollar. Letzterer Preis ist mindestens doppelt so hoch.
Zum Geld tauschen in der Bank geht man immer seitlich um das jeweilige Gebäude und dort befindet sich ein gerade mal 20x10cm großes Loch in der Wand. Man sieht den Menschen im Inneren nicht und muss einfach sein Geld hineinschieben in der Hoffnung, dass dann irgendwann Manat zu einem vernünftigen Wechselkurs wieder herauskommen. In meinem Fall begleitet von wütendem Schnauben des Angestellten: Ich habe ihn von seinem Nickerchen aufgeweckt.
Wir beobachten, dass wir entweder unfreundlich-emotionslose Menschen treffen oder aber sehr nette, aufgeschlossene und gastfreundliche Turkmenen. Gerade wenn wir etwas frustriert wegen der Begegnungen sind, taucht jemand auf, der alles wieder gut macht.
So auch in Mary. Wie gesagt, wir finden kein passendes Hotel und fahren daher zum Wildcampen aus der Stadt hinaus. Das Industriegelände außerhalb der Stadt zieht sich allerdings einige Kilometer und es dämmert bereits. Daher fragen wir an einem offenen Tor, ob wir wohl hier übernachten können. Herzlich werden wir in den Garten gebeten, den sich offenbar mehrere Familien und Wohnhäuser teilen. Auf einem mit Teppich ausgekleideten Turm können wir unter freiem Himmel die Nacht verbringen. Kinder umringen uns und wir zeigen die Fotos der vergangenen Wochen. Sie versuchen uns die turkmenischen Wörter für Dinge auf den Bildern wie „Melone“ oder „Wüste“ beizubringen. Ein achtjähriger Junge bringt sein Englisch-Vokabelheft her, wo deutlich geschrieben Englisch, Lautschrift Englisch und Turkmenisch in drei Spalten nebeneinander stehen. Darunter sind Wörter wie „incentive“ oder „various“, ganz schön anspruchsvoll für das Alter!
Kurz bevor wir unter freiem, wolkenlosem Himmel mit Blick auf die Sterne einschlafen, macht mir noch ein Jugendlicher ein offensichtlich selbstgefertigtes Freundschaftsbändchen um das Handgelenk. Was ein schöner Abend.
In Turkmenistan gibt es wenige Touristen. Die Visabestimmungen für ein Touristenvisum sind sehr streng. Man muss einen Führer durch das Land von einer staatlich anerkannten Organisation buchen und bekommt noch weitere Auflagen. Das ist sehr kostspielig und wird selten genutzt.
Ansonsten gibt es noch das Transitvisum. Es ist lediglich fünf Tage gültig und wird im Prinzip nur genutzt, um das Land schnell durchqueren zu können. Das sind dann so Leute wie wir: Mit dem Fahrrad, Motorrad oder Bus unterwegs in Richtung Osten.
Man merkt den Menschen und Institutionen an, dass hier selten Europäer zu Gast sind. In Türkei und Iran sprechen wir auch nicht die Landessprachen, aber die Kommunikation mit Gestiken ist dort trotzdem erheblich einfacher. Meist las man uns die Wünsche von den Augen ab. Hier ist alles komplizierter, wahrlich kein einfaches Reiseland.
Am nächsten Tag dringen wir in die richtige Wüste ein. Fast zweihundert Kilometer sind es zwischen den Städten Mary und Türkmenabat, dazwischen gibt höchstens alle 50 Kilometer mal ein Restaurant. Wir decken uns mit reichlich Wasser ein und machen uns sehr früh auf den Weg, um die Mittagshitze irgendwo im Schatten zu verbringen.
Wir kommen gut voran, aber nach der langen Mittagspause hat der Wind gedreht und kommt direkt von vorne. Zum Glück überholt uns ein Schwertransporter, der genau die richtige Geschwindigkeit hat und wir hängen uns in den Windschatten.
Eine halbe Stunde später sieht man, dass der Himmel vor uns nicht mehr blau ist, sondern beige, fast braun gefärbt ist. Das sieht ganz nach einem Sandsturm aus. Von einem Moment auf den anderen durchfahren wir die Grenze zwischen Sonne und Sand. Von allen Richtungen wirbelt Sand herum, über die Straße und direkt in unsere Gesichter und in alles, was nicht komplett verschlossen ist. Innerhalb von wenigen Minuten überzieht meinen schweißüberströmten Arm, auf dem sich schon lange die Sonnencreme verflüssigt hat, in Zusammenspiel mit der Sandstrahlung der Wüste eine braune, klebrige Masse. Zum Glück haben wir den Transporter vor uns, der Sand und Wind wenigstens ein bisschen abhält.
Dann passiert, was aufgrund der Tragik fast schon filmreif ist. Mein Flaschenhalter bricht nach zwei Monaten auf dem Fahrrad, weil ich ein tiefes Schlagloch auf der sandigen Straße übersehe, und die Trinkflasche kullert auf den Boden. Ich schreie noch „nein!“ durch den Wind, aber Thomas hält an, um sie aufzuheben. Nur einige hundert Meter hinter dem Transporter ist es unmöglich ihn einzuholen. Er fährt 35 km/h, aber der Wind ist so stark, dass wir mit hoher Anstreungung nur auf 20 km/h kommen. Unsere Rettung vor dem Sandsturm fährt von dannen.
Ein Lastwagenfahrer am Straßenrand erklärt, dass man nicht sagen könne wie lange der Sturm andauert. Aber er vermutet noch eine ganze Weile.
Wir sind komplett versandet und verschwitzt. Campen in der Wüste scheint bei diesem Wetter schwer möglich. Als der Fahrer uns dann anbietet die Fahrräder auf seine Ladefläche zu packen, nehmen wir das Angebot an. Während der Fahrt plärren Gassenhauer von Modern Talking und Tarkan aus den kratzigen Lautsprechern. In der gemütlichen Fahrerkabine erreichen wir, mit einer Geschwindigkeit, die nur wenig schneller ist als unsere mit dem Fahrrad, zweieinhalb Stunden später den Stadtrand von Türkmenabat. Es ist zu dunkel, um noch in die Stadt zu fahren, daher wird uns erlaubt die Zelte auf dem Fußballplatz hinter einer Schule aufzustellen. Im Dunkeln kommt ein Polizist mit Taschenlampe vorbei und erklärt uns, dass man hier nicht campen darf.
„Wir haben gefragt und man erlaubte uns hier zu übernachten.“
„Achso, okay!“
Na wenn sich Probleme nur immer so einfach lösen ließen.
Wir haben viel geschafft in den letzten Tagen und wollen einen Ruhetag in Türkmenabat einlegen. Das selbe Spiel wie zuvor in Mary. Zwar sind wir bereits um 8 Uhr morgens in der Stadt, aber erst gegen Mittag haben wir eine akzeptable Unterkunft gefunden. Zuvor eskortieren uns mehrere Autos zu verschiedenen Plätzen, auf Nachfrage bei Passanten deutet man in unterschiedlichste Richtungen, ein Hotel ist gar nicht mehr vorhanden und die Stadtkarte aus dem Reiseführer ist komplett falsch. Es gibt keinen Marktplatz, kein Stadtzentrum oder eine Einkaufspassage, wie es bei uns der Fall ist. Alles ist lieblos aneinandergestückelt, einzig die staatlichen Prunkbauten, das Theater und die überlebensgroßen Statuen des Diktators Turkmenbaschi stechen heraus.
Auch in dieser Stadt ist es wie vorher. Entweder die Begegnungen sind sowjetisch-kalt und kurz angebunden oder man ist nett wie eine Frau, die uns, als wir mitten auf der Hauptstraße mal wieder andere Reiseradler treffen und uns kurz unterhalten, einfach Süßigkeiten und Tee heraus bringt. Was ich von dieser Dualität halten soll, weiß ich noch nicht. Aber ich habe auch, dem Transitvisum geschuldet, keine Zeit mehr es herauszufinden. Es sind nur noch ein paar Kilometer bis zur Grenze nach Usbekistan, dann beginnt ein Abenteuer in einem weiteren Land mit starken russischen Einflüssen.
Dieser Artikel ist zeitlich vor dem Letzten angesiedelt. Warum? Weiterlesen!
Wir legen zwei Ruhetage in Tehran ein, wo wir bei einer über drei Ecken bekannten Familie unterkommen können. Der Familienvater ist 67 Jahre alt und Projektmanager. Eigentlich ist er schon lange Rentner, aber er hat so viel Spaß am Arbeiten, dass er gar nicht zuhause bleiben will. Sein Sohn, auch Projektleiter, wohnt mit in der Wohnung, genau wie seine Tochter, Grafikdesignerin. Die beiden Kinder, 35 und 30 Jahre alt, sprechen sehr gut Englisch und von ihnen erfahren wir viel über das Leben im Iran.
Die Wohnung ist 200qm groß und liegt im nördlichen, wohlhabenden Teil Tehrans. Man hat hier die Berge im Rücken und blickt hinab auf den Rest der Stadt. Es fühlt sich an wie zuhause. Zum Frühstück gibt es Kellogg’s Cornflakes (die Packung hat hier aber zusätzlich den Aufdruck, dass absolut keine Teile von Schweinen mit drin sind – ich hoffe eigentlich das ist bei uns auch nicht der Fall) mit Milch, Honig und Walnüssen, alles ist modern eingerichtet und sie haben, verbotenerweise, Satellitenfernsehen mit Sendern aus aller Welt.
Ich erfahre, dass hier eigentlich alle einigermaßen gebildeten Menschen gegen die Regierung sind und rebellieren wo immer es nur geht. Ähnliches bestätigen auch alle Personen, die ich auf dieses brisante Thema anspreche.
Alle Haushalte haben offensichtlich Alkohol zuhause, obwohl Besitz und Konsum streng bestraft werden. Aber was in einer Wohnung passiert, geht niemanden etwas an. Abends trinken wir Whiskey und essen dazu Melone und Oliven. Wir bestellen sogar Pizza beim Italiener. Kurios! Und ein starker Kontrast zum einfachen Leben der Menschen, wie wir es in den letzten Wochen kennen gelernt haben.
Die konservative Kleidung mit Tschador und kompletter Verschleierung ist wohl auch nur oberflächlich. Darunter sind die Frauen schick angezogen und geschminkt. Wenn sie auf eine Party gehen, reißen sie den Tschador runter und sind dann noch viel freizügiger gekleidet als bei uns in Deutschland.
Fast alle Frauen haben in Tehran übrigens operierte Nasen, weil das Gesicht das einzige einer Frau ist, was man in der Öffentlichkeit sieht. Wenn man einfach so durch die Stadt läuft, sieht man auch bei vielen Nasenpflaster von der letzten Operation mitten im Gesicht kleben. Manchmal auch bei Männern.
Von der (Haus)-Frau des Hauses werden wir ziemlich gut bekocht und sind sehr willkommen. Leckere einheimische Speisen sind gelungene Abwechslung zu den eintönigen Kabaps (Hackfleischspieße mit Reis und Tomaten), die wir immer an der Straße in LKW-Restaurants gegessen haben. Auswahl gab es dort nicht.
Tehran ist anders, sehr modern, teilweise westlich mit gebildeten Menschen und viel Geschichte.
An unserem letzen Abend in Tehran bekommt die Familie Besuch von Großmutter, Schwiegertochter und Nichte und alle sind in Aufruhr. Man sitzt um einen kleinen Tisch auf dem Boden, es werden kleine Snacks zum Essen gereicht und die letzten Neuigkeiten ausgetauscht. Überhaupt findet auch an jedem normalen Tag in dem kleinen Raum, den man bei uns als Durchgangszimmer oder Flur bezeichnen würde, immer viel Konversation statt. Das Familienleben bedeutet allen viel und man kann ihnen das Glück vom Gesicht ablesen, wenn vier Generationen um den selben Tisch hocken.
Wir fahren zum Milad Tower, dem sechsthöchsten Gebäude der Welt und dem Höchsten im Nahen Osten. Eigentlich wurde er 1998 eröffnet, aber fertig ist hier noch lange nicht alles. Überall stehen Leitern und Maschinen, die seit Ewigkeiten nicht mehr bewegt wurden. Immerhin funktioniert einer der sechs Aufzüge, der in unglaublicher Geschwindigkeit 300 Meter zur Aussichtsplattform zurücklegt. Oben erwartet uns ein Weitblick, der mich zum ersten Mal die Größe Tehrans im Ansatz erahnen lässt. Im Norden wird die Stadt durch die Berge begrenzt, aber im Süden erstrecken sich die Häuser soweit das Auge reicht. Klein sieht man die Highways auf denen der Verkehr einigermaßen fließt. Im starken Kontrast zu den Staus abseits der Schnellstraßen. Wer wusste, dass Ahmadineschad einen Doktortitel in Verkehrsmanagement hat?
Das Internet im Iran unterliegt strenger Kontrolle. Die Zugänge sind unglaublich langsam und die Regierung sperrt Webseiten wie Facebook, Twitter, Flickr, aber auch Google Deutschland oder Spiegel funktionieren nicht. Es gibt Wege die Sperren zu umgehen und fast jeder nutzt sie hier. Warum dann überhaupt das Ganze?
Diesen Artikel traue ich mich auch erst zu publizieren als wir den Iran verlassen haben. „Big brother is watching you“, manchmal jedenfalls.
Abgesehen davon hatten wir keine Probleme mit dem Gesetz und haben die Einschränkungen des Staates nicht persönlich zu spüren bekommen. Mein Fazit des Landes ist, dass es sehr verzerrt in unseren Medien dargestellt wird und mir die Unterdrückung und Beschneidung der Rechte der Bevölkerung ein wenig Kopfzerbrechen bereiten. Unangefochtene Nummer eins der gastfreundlichsten Länder auf unserer bisherigen Tour ist das Persische Reich auf jeden Fall.
Im Iran besteht zum jetzigen Zeitpunkt für Touristen absolut keine Gefahr, auch wenn einem das viele weiß machen wollen. Ich bin sehr froh, dass wir die Route durch dieses wunderbare Land wählten.
Hinter Tehran beginnt die Kavir-Wüste. Ich bin sehr gespannt auf die neue Landschaft und meine Erwartungen sollen nicht enttäuscht werden. Wir müssen uns anders organisieren und genug Vorräte für ein, zwei Tage mitführen. So dünn besiedelt ist es aber doch nicht, wir fahren immer mal wieder durch kleine Städte und vermeiden vorallem die Schnellstraße nach Osten, stattdessen nehmen wir einen landschaftlich anspruchsvolleren Umweg.
Nach zwei Tagen Camping in sicherem und geschützten Abstand zur wenig befahrenen Straße sind wir nur noch eine Tagesetappe von Mashhad entfernt. Die Dämmerung setzt langsam ein und auf dem flachen Hochplateau gibt es keinen geschützten Schlafplatz. Eine Farm taucht auf und uns wird erlaubt dort unsere Zelte aufzustellen. Wir werden ziemlich bald in die aus Sandstein gebaute und schief dastehende Behausung der Bauersfamilie gebeten. Sie besteht aus Küche, Wohnzimmer und Schlafzimmer (Mutter, Vater und Tochter schlafen im selben Raum). Die Grundfläche des flachen Gebäudes beträgt insgesamt höchstens 30qm. Es ist spartanisch eingerichtet, aber trotzdem werden uns Wassermelone, Tee und geröstete Sesamkerne serviert. Eifrig wischt der Mann den Staubfilm von der Mattscheibe des uralten Fernsehers. Die Fenster werden geöffnet und in den dunklen, mit Teppichen ausgelegten Raum fallen noch ein paar Sonnenstrahlen, in deren Schein man den Staub sich bewegen sieht. Man ist wie immer interessiert an unserem Vorhaben und wir versuchen durch unsere Anwesenheit und Gespräche den Menschen auch etwas zurückzugeben.
Schließlich wollen wir das Haus verlassen, um unser Abendessen bei den Zelten zu verspeisen. Wir werden zuerst nicht gehen gelassen, da die Frau des Hauses offensichtlich gerade den Herd anheizt und ein Hühnchen zurecht gemacht hat. Wir sollen in zwei Stunden wiederkommen, dann gibt es Essen!
Es ist unmöglich sie davon zu überzeugen, dass wir unser Proviant dabei haben und dass wir wirklich nicht solche Umstände machen wollen. Abgesehen davon ist der Tag anstrengend gewesen und in zwei Stunden ist es bereits lange dunkel. Tatsächlich kommt der Bauer, der uns vorher stolz seine gut genährten Kühe und Schafe zeigte, irgendwann als ich schon längst schlafe, um uns für Hühnchen und Reis wieder ins Haus zu bitten. Ich bin noch am Träumen und bleibe verschlafen liegen, Thomas geht alleine mit. Ein Fall, wo die Gastfreundschaft so groß ist, dass es fast unangenehm wird. Ich möchte verhältnismäßig armen Menschen keine solchen Umstände machen und ihre Ehre erlaubt es nicht mal, dass man ihnen ein Angebot abschlägt.
Trotz allem, wie immer, eine schöne Begegnung.
Schließlich erreichen wir Mashhad, das Pilgerzentrum und religiöseste Stadt des Landes. „Vali’s Non-Smoking Homestay“ ist unser Ziel, eine Unterkunft, die uns schon von vielen empfohlen wurde. Es ist sehr familiär, wir wohnen im Haus der Familie, müssen aber im Innenhof auf Teppichen schlafen, da drinnen heute alles belegt ist. Das ist kein Jammer, denn draußen ist es nicht ganz so heiß und stickig und Teppiche sind auch gemütlich.
Zum Abendessen sind noch einige andere Gäste da und auf der Dachterasse werden bei reichlich Tee auf einer Plastikunterlage leckere iranische Speisen angerichtet. Die meisten sind, genau wie wir, in Richtung Turkmenistan und Usbekistan unterwegs. Manche mit dem Bus, andere mit dem Motorrad oder eben mit dem Fahrrad.
Ein Pärchen um die 50 Jahre aus den Niederlanden ist auch anwesend. Sie haben letztes Jahr ihr Haus verkauft und sind all ihr Hab und Gut losgeworden. Ihr ganzer Besitz passt nun in die Satteltaschen der Fahrräder und der einzige Draht in die Heimat ist die Kreditkarte.
Ein Japaner machte seinen Weg mit dem Bus von London nach Polen, kaufte sich dort ein Fahrrad und ist mit diesem bis nach Mashhad gekommen.
Es scheint als wäre Valis bescheidenes Haus in der Innenstadt von Mashhad ein Sammelbecken für allerlei Weltreisende, Aussteiger und andere Verrückte. Irgendwie schön.
Verwunderlicherweise gibt es auch bei unserem Turkmenistan-Visum keine Probleme. Wir haben es in Tehran beantragt und bekommen es nach einer Viertelstunde Wartezeit in Mashhad in den Pass geklebt. Alle Einreisefragen für die nächsten Wochen sind damit erstmal geklärt und wir können uns wieder komplett auf den Tritt in die Pedale konzentrieren.
Es sind noch 170 Kilometer bis zur Grenze nach Turkmenistan und ich bin ein bisschen traurig den Iran zu verlassen. In über zwei Wochen habe ich das Land, die Menschen und die Landschaft lieben gelernt. Das Streckenprofil ist hier vorallem verhältnismäßig eben, daher bleibt nur noch der Wind als ständiger Feind des Radfahrers. Er verhält sich hier ziemlich komisch. Stundenlang kann er konstant von vorne pusten und nach einer kurzen Mittagspause dreht er um 180° und schiebt uns den Weg weiter. Das verstehe wer will.
Zu der alltäglichen Routine des Radreisenden gehört neben essen, trinken und radeln auch die Schlafplatzsuche. Wir haben die Optionen in ein Hotel oder eine Pension zu gehen oder wild zu zelten. Campingplätze gibt es auf unserer Route schon lange keine mehr.
Selbst die Hotelsuche in Städten gestaltet sich einigermaßen schwierig. Unterkünfte sind genau wie alles andere in schnörkeligen Lettern beschriftet, die wir nicht lesen können (meine anfänglichen Versuche das Persische Alphabet zu lernen habe ich aufgegeben – 32 “Buchstaben”). Manchmal fehlt auch jeder Hinweis. So läuft es meist darauf hinaus, dass wir Leute an der Straße fragen und nur einige Sekunden später bildet sich eine Menschentraube um uns. Irgendwer kann meist ein paar Brocken Englisch und es wird wild gestikuliert und gedeutet. Manchmal eskortiert uns ein Auto zum meist überteuerten Hotel. Wenn wir versichern, dass wir wirklich keinen Luxus benötigen, bringt man uns zum örtlichen Mosaferkhaneh (simple, sehr einfache Unterkunft für Reisende (mosafer)).
An anderen Tagen bauen wir zusammen mit Alfred aus der Schweiz eine kleine Zeltstadt auf. Mit seinem Gaskocher in der Mitte bereiten wir uns abermals aus einem Kilo Nudeln, Zwiebeln, Paprika und Tomatensauce ein Mahl, das durch nichts anderes zu ersetzen wäre. Wie sehr man alltägliche Dinge wie Nudeln oder Schwarzbrot vermissen kann, wird jetzt erst richtig deutlich.
Aus diesem Abend zwischen Birken an einem Bach in wunderschöner Idylle wird in der Nacht ein Albtraum. Ein Gewitter, das seinesgleichen sucht, zieht auf und es hört bis zum nächsten Mittag nicht mehr auf wie aus Strömen zu regnen.
Mein Körper ist noch immer nicht richtig fit und diese Nacht ist wenig erholsam. Die Regentropfen, die auf das Zeltdach donnern, fühlen sich an wie Schläge im Kopf. Die Gedanken sind vernebelt, immer wieder rumort der Magen und es fällt schwer die Augen zu schließen. Ab und an trifft ein Schwall Wasser vom Baum auf das Zelt und durch die Wucht lösen sich ein paar Tropfen Kondenswasser von der Zeltinnenseite, die mich mehr oder weniger sanft wieder aus dem Schlaf reißen.
Glücklicherweise sind auch die Frühaufsteher Alfred und Thomas nicht wieder um 6:30 Uhr morgens schon am einpacken, sondern wollen auch das Ende des Gewitters abwarten. Ich schlafe noch bis 11 Uhr, dann geht es in einer kurzen Schauerpause los.
Es hat sich gelohnt, denn bald kommt die Sonne heraus, die Straßen trocknen und der Weg führt uns endlich mal ohne viel Verkehr und Abgase den ganzen Nachmittag an einem Fluss entlang bergab. Nur einige Tunnel gibt es hier, bei denen man versuchen sollte so schnell wie möglich durch zu sein, denn Lüftung und Beleuchtung gibt es nicht und die verqualmte, verbrauchte Luft steht bewegungslos in der Röhre und erschwert das Atmen.
Wir sind nun wieder ohne Alfred unterwegs, haben aber die Tage mit deutschsprachiger Begleitung, die frischen Wind in den Alltag bringt, sehr genossen. Wir kommen zügig voran und mit dem stetigen Tritt in die Pedale ändert sich auch die Landschaft. Nach der Fahrt durch grüne Täler, die von hohen Bergen eingerahmt sind, ist die Straße nun von nicht viel umgeben, die Temperaturen erreichen mühelos 30°C und mit der kargen Vegetation sieht es fast aus wie Wüste. Wir fangen nun an sehr früh aufzustehen und die Stunden um den Zenit der Sonne im Schatten unter ein paar Bäumen zu verbringen. Das bringt Erholung für den Körper und nette Begegnungen mit anderen Picknickern. Man sagt die Iraner seien die inoffiziellen Picknickweltmeister – überall sieht man sie auf Decken herumsitzen. Aber nie allzuweit entfernt von der Straße, laufen tun sie nämlich nicht so gern! Sehr beliebt ist daher auch das Ausbreiten der Picknickdecke auf dem Grünstreifen zwischen zwei Fahrspuren.
Wir suchen einen Platz für unsere Zelte, aber die Landschaft ist flach und bietet keinen Schutz vor ungewünschten Blicken. Nur an einer Stelle findet sich ein Rechteck aus Bäumen, offensichtlich eine Plantage. Quer durch führt ein kleiner Weg und genau in der Mitte des 20ha großen Gebietes ist ein kleines Gebäude mit lautem Dieselgenerator. Davor wäscht sich ein Mann kaum älter als wir oberkörperfrei an einem Wasserschlauch. Wir fragen, ob wir irgendwo hier unsere Zelte aufstellen können, bekommen aber keine eindeutige Antwort. Erstmal bekommen wir kalte Pepsi, Wasser, Kekse und Pistazien vorgesetzt und man bedeutet uns zu warten. Der Mann, Mustafa, versucht verzweifelt jemanden mit seinem Handy zu erreichen und holt dann ein Gewehr, mit dem er draußen einen Schuss in die Luft abfeuert. Was hat das zu bedeuten?
Wir warten weiter und als ich herausgehe und mich nach dem Stand der Dinge erkundige, zieht er mich hoch auf einen Traktor und bekomme dann das ganze Gelände gezeigt. Dass deutsche Traktoren die besten seien, habe ich jetzt bereits gelernt.
Können wir jetzt eigentlich hier irgendwo schlafen? Ja klar, im Haus. Er ist offensichtlich Besitzer des Geländes und wir breiten unsere Schlafsäcke glücklich in dem mit Teppichen ausgelegten Wohnzimmer aus. Als es dunkel ist und wir schon schlafen, weckt er uns noch einmal auf und deutet auf die Plastikfolie auf dem Boden, die im Iran meist den Küchentisch ersetzt. Darauf sind Teller mit Kidneybohnen in Soße und Thunfisch. Diese Zutaten vermengt man miteinander und isst sie dann mit Brot, Tomaten und Gurken. Wie hätten wir auch nur erwarten können zu Gast in einem solchen Land kein Essen bereitet zu bekommen?
Die Nacht wird begleitet vom Dieselgenerator im Haus, der im Prinzip aus dem alten Motor eines Traktors besteht. Der riesige Motorblock ist fast zwei Meter lang und halb so hoch. Warum der über Nacht nicht ausgestellt wird, weiß ich nicht. Wahrscheinlich, weil der Sprit im Iran so günstig ist? Das monotone Rattern beschert uns jedenfalls eine Nacht mit lautstarker akustischer Untermalung. Fast wie die LKW auf der Straße.
Früh am Morgen werde ich mit einer Massage geweckt. Mustafa knetet Rücken und Arme kräftig durch, er selbst ist schon seit einer Weile am Frühsport machen und hüpft aufgeregt durch die Wohnung. Ohne Frühstück will er uns nicht gehen lassen und ohne Geschenke erst recht nicht. Ein riesiges Glas selbstgemachten Honig können wir ihm nicht abschlagen, dazu gibt es noch Walnüsse und Rosinen.
Wieder einmal geht eine Begegnung zuende, bei der die Freundlichkeit und Offenherzigkeit so überwältigend sind, dass es fast schon zu viel ist. Nachdem ich noch ein paar Kleinigkeiten aus unserem Fundus übergeben habe und wir E-Mail-Adressen ausgetauscht haben, begleitet uns Mustafa bis zum Rande seines Anwesens und winkt uns eifrig nach.
Trotz fehlendem Ruhetag bin ich wieder topfit. Vor einigen Tagen hätte ich lieber zuhause im Bett gelegen und wäre dem gewöhnlichen Alltag nachgegangen, aber das Durchbeißen hat sich gelohnt. Nachdem man einen neuen Tiefpunkt kennen gelernt hat, ist die Normalität so schön wie nie zuvor. Die tollen Begegnungen entschädigen für alle Strapazen und die Räder rollen fast wie von selbst über das ebene Gelände.
Wir erreichen Tehran, die Hauptstadt des Irans, nach zwei aktiven Tagen mit insgesamt 340 Kilometern. Jährlich sterben hier in der Stadt 10.000 Menschen nur an den Folgen der Luftverschmutzung. Der Verkehr ist gar nicht so schlimm wie ich laut anderen Erfahrungsberichten erwartet hätte. Man wird öfter mal geschnitten und fast angefahren, aber eigentlich nicht viel anders als in deutschen Großstädten.
Lonely Planet meint allerdings zu dem Thema: „The sheer volume of traffic can be overwhelming and makes crossing the street seem like a game of Russian roulette, only in this game there are fewer empty chambers. Indeed, it is hard to overestimate the risk of an accident, whether you’re in a vehicle or on foot. It may not be much consolation, but the law says that if a driver hits a pedestrian the driver is always the one at fault and the only liable to pay blood money to the family of the victim.“
Vom Rückenwind werden wir am Van-See entlang geschoben. Ein halber Liter selbstgemachter Ayran, dessen Kühlkette offensichtlich nicht westeuropäischen Hygienestandards entspricht, bringt meinen Magen zum Rumoren. Abends wollen wir in einer Stadt am Rande des Sees übernachten, aber es gibt hier komischerweise kein Hotel. Man schickt uns in alle Richtungen und letztendlich eskortiert uns ein Polizeifahrzeug zu einer Pension für Lehrkräfte. Auch hier ist alles belegt. Wir fahren weiter durch das Örtchen und suchen eine Unterkunft. Dabei umringt uns eine Horde kurdischer Jungen auf Fahrrädern und lärmt mit mehr oder weniger sinnvollen Tipps herum.
Letztenendes steht aber fest: Einen Schlafplatz gibt es hier nicht. Wir kehren in einem Restaurant ein und ich bekomme den Lahmacun kaum herunter. Alles ist unreal, ich blicke wie durch eine Milchglasscheibe nach draußen. Der Gastwirt organisiert uns dann aber etwas. Wir können in einer Fußballhalle schlafen, die vor den Toren der Stadt liegt. Immerhin, keine Nacht mit Zelt und Regen!
Dort angekommen kann ich mich kaum noch auf den Beinen halten. Wir lassen uns mit Isomatten und Schlafsäcken auf einer Aussichtsempore mit Blick in die Fußballhalle nieder und versuchen den dringend benötigten Schlaf nachzuholen. Mein Magen rumort und ich krümme mich vor Schmerzen. Die Fußballer trudeln ein und fangen an mit Lederbällen gegen die Betonwände zu schießen. Von überall dröhnt Gebrüll und Lärm. Ab und an springt der Dieselgenerator neben uns an, weil der Strom ausgefallen ist. Irgendwie schaffe ich es einzuschlafen und nach zwei Stunden beschließt sich mein Magen komplett zu entleeren. Wahrscheinlich die richtige Wahl. Ab da geht es wieder besser und um 23h macht die Halle dann auch zu. Wir können in Ruhe schlafen.
Was ein Abend!
Auch am nächsten Morgen ist erstmal keine Erholung angesagt. Der höchste Punkt unserer bisherigen Route steht auf dem Programm. Über 50 Kilometer geht es bergauf bis wir den Pass auf 2644 Metern überwinden.
Schwärmte ich letztens noch von der kurdischen Freundlichkeit, muss ich mittlerweile die Kinder davon ausschließen. Es passiert mir, dass ich von vier kleinen Knirpsen zum Anhalten gebracht werde. Sie wollen Geld haben und als sie nicht ablassen und ich versuche mich mit Vollgas aus dem Staub zu machen, halten sie sich am Fahrrad fest. Ein anderes Mal wirft man uns Steine hinterher. Und gegen Ende der Türkei schallt es immer, wenn wir an einer Siedlung vorbei fahren: „Hello tourist! Money!“. Gut, dass wir bald im Iran sind. Wir haben erstmal genug hiervon.
Immerhin machen wir keine schlimmen Bekanntschaften mit wilden Hunden. Meist bremsen wir einfach, wenn ein aggresives Tier angerannt kommt. Dann stoppen sie meist und machen sich wieder aus dem Staub.
Mit Vorfreude und Neugierde kommen wir der Grenze in den Iran näher. Bereits fünf Kilometer vor ihr staut sich eine zweispurige Reihe von Lastwagen. Das kann ja heiter werden, die stehen offensichtlich schon seit Tagen so herum und warten darauf ein paar Meter weiter fahren zu können.
Bei uns geht es dann doch etwas zügiger, eine Stunde später betreten wir den Boden eines Landes, das in den Medien nicht kontroverser diskutiert werden könnte.
In den ersten Tagen im neuen Land zeigt sich, dass hier nicht alles so konservativ ist, wie angenommen. Zwar sieht man viele Frauen mit Tschador, einige sind aber auch sehr locker-westlich gekleidet, geschminkt und zurechtgemacht. Wir sehen händchenhaltende Pärchen in der Öffentlichkeit und die allgemeine Grundstimmung ist positiv.
An unserem ersten Tag in Persien treffen wir Alfred, einen Radreisenden aus der Schweiz. Er fährt die selbe Route wie wir, nimmt sich aber ein Jahr Zeit dafür. Seine Frau ist solange zuhause, aber sie ist das gewohnt, er macht lange Reisen wie diese öfter mal.
Wir fahren eine Weile zusammen und am ersten Abend zelten wir leicht abseits der Straße und kochen ein leckeres Essen. Alfred hat reichlich Kochuntensilien, Gewürze und Lebensmittel dabei. Die Menge an Equipment ist ungewohnt für uns, aber es ist schön komplett autonom unterwegs zu sein und sich beim Zelten in der Landschaft noch etwas Essen zuzubereiten zu können.
Wir erreichen nach einer Nacht in Marand die drittgrößte Stadt des Irans, Tabriz. Schon 20 Kilometer vor der Stadt wird der Verkehr sehr dicht und Lastwagen vernebeln die Sicht. In der Stadt angekommen ist ein ähnlicher Smog, überall riecht es nach Abgasen und schlechter Luft. Wir sind bereits am Mittag hier angekommen und nutzen den Tag, um den mit 7 km² Fläche größten überdachten Basar der Welt anzuschauen. Auch die Blaue Moschee, ein Wahrzeichen der Stadt, sehen wir uns an.
Noch ungewohnt ist das t’aarof, eine höfliche Verhaltensweise der Iraner. Uns wird öfter angeboten nicht für Essen, Hotel oder Taxi zahlen zu müssen. In Wahrheit erwartet das Gegenüber aber, dass man dennoch bezahlt, obwohl sie mehrere Male auf ihrer Meinung beharren. Man muss also immer mit allem Nachdruck darauf bestehen wirklich den Gegenwert zu übergeben zu dürfen.