Projekt goeast 2011
Deutschland - China, 15 Länder, 15.000km, zwei Fahrräder, vier Monate. Start: 03. April 2011

Unser Eindruck von Bulgarien, wo noch bei der Einreise alles etwas trostlos und verlassen wirkte, ändert sich je tiefer wir in das Land eintauchen. Wunderschöne und abwechslungsreiche Landschaften, die uns wegen der vielen Hügel und Berge viele Tropfen Schweiß kosten, machen die Fahrt interessant. Die Menschen am Straßenrand, Bier trinkende Männer, Pferdekarren mit Fahrer, arbeitende Menschen und alte Frauen, erwiedern unsere Grüße freundlich und machen den Eindruck als wären sie mit ihrem Leben sehr zufrieden. Die Menschen sind arm und haben nicht viel Besitz, aber sie sind glücklich, das zählt mehr als jeder Materialismus.

Ich beginne zu bemerken, wie sich die Intensität meiner Träume verändert, sie beinhalten viele unterschiedliche Themen und Personen, ganz im Gegenteil zum Schlaf in heimischen Gefilden. Alles wirkt intensiver, ausgeschmückter und die Erinnerung an die Träume bleibt erhalten – auch das ist mir neu.
Eine andere Veränderung, die zwar nur subjektiv ist und sich spontan schwer messen lässt, ist dass meine Augen wieder besser sehen. Eigentlich bräuchte ich eine Brille, aber als Lesehilfenverweigerer bin ich auch ohne bisher ganz gut klar gekommen. Zuhause zeigen sich die Probleme beim Ablesen von Schildern oder Anzeigetafeln. Nun beim Unterwegssein scheint es als könnte ich wieder schärfer sehen.
Ich frage mich, ob diese Veränderungen etwas mit der Naturverbundenheit zu tun haben, mit den vielen Eindrücken und den schönen Landschaften, die wir jeden Tag auf’s Neue erblicken dürfen. Kann es sein, dass unsere körperlichen Fähigkeiten im industriealisierten Deutschland beim Büroalltag abstumpfen und nur darauf warten wieder reanimiert zu werden?
Ich jedenfalls freue mich, dass ich neben interessanten Erfahrungen und Erlebnissen auf einer anderen Ebene offensichtlich noch mehr von der langen Reise profitieren kann als ich erwartete.

Nach einem sonnigen Tag erreichen wir Pazardzhik im Süden Bulgariens, direkt am Fuße des Rhodopen-Gebirges. Die Stadt lässt sich in ihrem wundervollen Panorama bereits von Weitem erkennen.
Wir bereiten uns mental auf den folgenden Tag vor, denn er bildet mit einem Aufstieg von 200m auf 1680m mit 55km Steigung ohne Unterbrechung eine ordentliche Herausforderung.
Etwa auf der Hälfte des Anstiegs treffen wir einen anderen Reiseradler, den ersten bisher. Daniel aus dem Baskenland ist zwei Woche in Bulgarien unterwegs und hat schon zuvor viele Radtouren im Ausland unternommen.
Langsam kriechen wir den Berg hinauf und entdecken bald den ersten Schnee. Uns wird berichtet, dass es noch vor zwei Tagen hier geschneit hat und die Straßen unpassierbar waren. Ein ziemliches Glück für uns, denn wir fahren nun mit kurzen Ärmeln und sehen links und rechts neben der Straße noch die durchgehende Schneedecke. Lediglich das Tauwasser auf der Straße bereitet uns kleine Probleme.

Als wir den Gipfel erreichen, sind wir froh, aber noch nicht erschöpft. Wir bewegen uns für einige Zeit auf dieser Höhe und sehen märchenhafte Gebirgsseen und Kuhherden, die zufrieden am saftig-grünen Gras herumkauen.

Wir fahren den Rest des Tages bergab und im Nachhinein würde ich sagen es war der Beeindruckendste bisher. Immer wechselnde Landschaften und Panoramen verleiten uns dazu fast ständig anzuhalten, um die Eindrücke irgendwie festzuhalten.

Ich genieße diesen Tag so außerordentlich, dass ich bei der Fahrt durch einen Nadelwald mit tiefem Einatmen des Geruches und dem Bewusstmachen unserer priviligierten Freiheit irgendwie versuche den Moment einzufangen. Einfach speichern und irgendwann, wenn es mal zuhause oder anderswo nicht so gut ist, einfach wieder reinladen. Wäre das nicht schön?

In der Dämmerung passieren wir den Grenztunnel nach Griechenland. Wir haben einen harten Tag hinter uns und sind überglücklich als wir ein Hotel in Kato Nevrokopi 15 km hinter der Grenze erreichen. Die Stimmung wird durch Ouzo, der uns bei der Ankunft spendiert wird, und reichlich Tsatsiki weiter aufgehellt. Die Griechen sind gewohnt herzlich und ich freue mich, dass wir hier angekommen sind, denn das mediterrane Flair ist eine gelungene Abwechslung zum teils tristen Ambiente des sowjetisch angehauchten Osteuropa.

Wir fahren weiter und erreichen an einem sonnigen, wenig anstrengenden Tag das Ägäische Meer bei Kavala. Es ist ein atemberaubend schönes Gefühl die letzten Meter des Berges vor dem Meer zu überwinden und mit jedem Pedaltritt ein Stück mehr zu erkennen, wenn man über die Kuppe hinwegsieht.
Wir fahren hinunter nach Kavala auf einen Campingplatz direkt am Meer. Wenn wir aus dem Zelt schauen, sehen wir die Insel Thassos. Faszinierend, wir sind jetzt dort angekommen, wo andere Menschen Urlaub machen.

2 Kommentare, Geschrieben am 22. April 2011, Bulgarien, goeast 2011, Griechenland

Nach zehn Tagen, an denen wir mit Kilometerzahlen nicht gegeizt haben, legen wir in Serbien in Bačka Palanka einen Ruhetag ein. Es regnet ohnehin und ein bisschen körperliche Regenerierung können wir gut gebrauchen.

Am Tag darauf freuen wir uns wieder richtig darauf auf die Räder zu steigen. Leider wird diese Freude durch das Wetter etwas getrübt. Eigentlich zum ersten Mal auf der Tour regnet es den ganzen Tag. Mal eher Nieselregen, mal gewitterähnlich, meist etwas dazwischen. Wasser von allen Seiten, schlechte Straßen und tiefe Schlaglöcher: hohe Anforderungen an Mensch und Material.
Die körperliche Belastung ist hier das kleinere Problem, vielmehr muss man sich geistig auf die Bedingungen einstellen und darf nicht in schlechte Laune verfallen. Nach zehn Kilometern im Dauerregen habe ich die richtigen Gedankengänge gefunden und schaffe es dem Tag positiv entgegen zu sehen. Frei nach dem Motto: Nach Regen kommt immer Sonnenschein.

Wir waschen und trocknen unsere Sachen in einem Zweisternehotel in Obrenovac, nur einige Kilometer von Belgrad entfernt. Vor uns tut sich ein riesiger Hotelkomplex auf, der Einrichtungsstil erinnert an Russland vor 30 Jahren. Tatsächlich stellt sich heraus, dass das Hotel 1983 eröffnet wurde und mit 263 Zimmern damals das modernste in ganz Serbien war. Kurioserweise sind wir fast die einzigen Gäste und alles wirkt verfallen und unwirklich.
Ganz und gar nicht mehr allein sind wir eine halbe Stunde später, denn 500 Frauen strömen in das Hotelrestaurant. Hier steht nun wohl eine große serbische Feier an.
Wir möchten allerdings auch etwas essen, aber der Saal ist gerammelt voll. Der nette Rezeptionist öffnet die Rückwand des Saales, stellt für uns einen Tisch dahinter („damit Sie die schönen Frauen sehen können“) und lässt ungefragt Bier, serbische Fleischspezialitäten, Salate und Torte kommen. In dieser absurden Situation versuchen wir die Herzlichkeit nicht zu enttäuschen und müssen uns anstrengen alles aufzuessen.

Der weitere Weg durch Serbien ist beschwerlich, das altbekannte Auf und Ab, wo verrichtete Arbeit beim Erklimmen eines Hügels direkt wieder durch eine kurze Abfahrt zunichte gemacht wird. Fairerweise muss man sagen, dass hügelige Landschaften zwar anstrengender zu fahren sind, dafür aber auf Dauer nicht eintönig werden, sondern mit immer wechselnden, meist spektakulären Ausblicken aufwerten.

Das Streckenprofil ändert sich auch mit unserer Einreise nach Bulgarien wenig, wohl aber Land, Leute und Landschaft. Die ersten 50 Kilometer im Land wirken wie ausgestorben. Die wenigen Siedlungen und Dörfer sind menschenleer und Geschäfte oder Restaurants sind nicht aufzufinden. Völlig im Gegensatz zu den serbischen Städten müssen wir uns erst an ein neues Land gewöhnen.

Viel wichtiger als die notwendige körperliche Leistung, an der man nach zwei Wochen intensiven Radfahreralltags nicht mehr zweifeln sollte, ist die psychische Belastung bei einem Projekt wie diesem. Es sind nicht die Beine, die einen den Berg hochbefördern, sondern es sind der Geist, der Wille und die unterstützenden Menschen im Hintergrund, die mitfiebern und motivieren. Es sind Gedanken wie dünne Grashalme, an die man sich klammert, wenn die Anstrengungen einer Etappe so groß sind, dass man händeringend nach Gründen sucht warum man sich das denn alles antut. Aber dann steht man oben und weiß genau: Deswegen!

Nicht unerwähnt bleiben soll auch die Freude nach zwei Tagen des Campings ohne fließendes Wasser bei einem serbischen Kloster und einer serbischen Bauernfamilie im Hotel in Montana (Bulgarien) wieder eine Dusche und etwas Zivilisation genießen zu können.
Ebenfalls schön ist es nicht die ganze Nacht lang Gebell von Hunden ertragen zu müssen. Andere Radreisende berichten von wilden Hunden in der Türkei, die es lieben Radfahrern hinterherzujagen. Gleiches müssen wir bereits in Serbien feststellen. Fast jeder Haushalt hat einen Hund und fast jeder davon rennt uns hinterher, wenn wir vorbei fahren. Nachts fängt dann ein Hund an zu bellen und nach und nach stimmen alle anderen Vierbeiner in der Umgebung lustig mit ein. An Schlaf ist da nicht mehr zu denken.
Trotzdem haben wir die Gastfreundschaft und die Kommunikation mit Gesten und Zeichen bei den Serben wirklich genossen.

3 Kommentare, Geschrieben am 19. April 2011, Bulgarien, goeast 2011, Serbien

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